Frauen bauen: Vorbilder für die Architektinnen von morgen

 In Meine Buchempfehlungen., Mit Architektur und Baukultur.

Frauen dürfen erst seit Anfang des 20. Jahrhunderts in Deutschland ein Architekturstudium absolvieren. Doch Architektinnen, die im Laufe dieser kurzen Zeit Großes geleistet haben, sind weder im öffentlichen Bewusstsein noch im fachlich Diskurs wirklich existent. Das zeigt auch die Ausstellungshistorie des „Deutschen Architekturmuseums“ (DAM) in Frankfurt am Main: In den 33 Jahren des Bestehens des DAMs widmeten die Kurator_innen nur vier von über 100 Ausstellungen Frauen in der Architektur. Auch der weltweit renommierte Pritzker-Preis, der sich gern als Nobelpreis der Architektur versteht, wurde seit 1979 an 41 Männer und nur 3 Frauen vergeben.

Mangel an weiblichen Vorbildern für die Architektinnen & Architekten von morgen

So ist es kaum verwunderlich, dass es den meisten schwer fällt, überhaupt eine bekannte Architektin außer Zaha Hadid zu nennen. Daraus resultiert aber auch ein Mangel an weiblichen Vorbildern, an denen sich Mädchen* – zukünftige Architektinnen – orientieren können.

Die Hemmungen, die junge Frauen vor der Aufnahme eines Architekturstudiums bis heute haben, werden mir im Gespräch mit meinen Leser_innen auf Architektur-studieren.info nahezu täglich vor Augen geführt. Viele trauen sich den Beruf der Architektin in einer Männerdomäne nicht zu, obgleich es ihr Wunsch ist, ihre Umwelt als Architektin zu gestalten. Sie haben zum Beispiel Bedenken bei der Arbeit mit Handwerkern auf der Baustelle und sind sich unsicher, ob sie sich auf Grund ihres Frau-Seins gegen die von ihnen befürchteten, sexistischen und anderweitig abwertenden Kommentare der meist männlichen „Kollegen“ durchsetzen können. Zugleich wird ihnen von ihren Vätern und Müttern vom Beruf der Architektin abgeraten. Sie möchten ihre Kinder vor Sexismus schützen (paradox) oder Bauen ist in ihren Köpfen „nichts für Frauen“.

Frauen im Architekturstudium und ihre Chancen im Beruf

Viele beginnen dennoch das Architekturstudium – ca. die Hälfte aller Studierenden sind weiblich. Rund 20 Prozent der Absolventinnen kommen aber nie als Architektinnen im Beruf an und wenn sie es schaffen, verdienen sie 20 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. Nur eine Hand voll der Architektinnen wird Büroinhaberin, Gründerin oder nimmt andere höherrangige Positionen ein. Darüber täuschen auch die wenigen weiblichen Vorstände in den Architektenkammern oder Barbara Hendricks nicht hinweg. Die Fotos der Architekturfachmedien dominiert eine Armee schwarzer Sakkos.

Wie überwindet man als junge Frau über Jahrzehnte manifestierte, gesellschaftliche Hürden ohne inspirierende Vorbilder?

Das Kinderbuch „Frauen bauen“

Das reich bebilderte Kinderbuch „Frauen bauen“ von Arne Winkelmann und Kitty Kahane* schließt eine Lücke auf dem Architekturbuchmarkt und macht 10 Architektinnen, eine Stadtplanerin und eine Landschaftsarchitektin und deren bekanntesten Werke für Kinder ab 8 Jahre sichtbar. Jeder Planerin widmen sie je 2 Doppelseiten, die mit Fotografien und sehr schönen Illustrationen von Kitty Kahane versehen sind. Die 2016 verstorbene und wohl berühmteste Architektin unserer Zeit – Zaha Hadid – fehlt im Buch natürlich nicht. Sie wurde 2004 als erste Frau mit dem Pritzker-Preis ausgezeichnet.

 

Frauen bauen | © antaeusverlag

Frauen bauen | © antaeusverlag

Vorgestellt werden auch Gae Aulenti – die Architektin des Musée d’Orsay, Galina Balaschowa – sie entwarf die Einrichtung der russischen Raumstation MIR, Lina Bo Bardi – die im faschistischen Italien der 1920er und 1930er Jahre aufwuchs sowie die Designerin und Architektin Eileen Gray. Francine Houben – RIBA Architektin des Jahres 2014, Francoise-Hélène Jourda – bei deren Arbeit Nachhaltigkeit und Sonnenenergie im Vordergrund stand, Margarete Schütte-Lihotzky – die Begründerin der Frankfurter Küche, und die Landschaftsarchitektin Martha Schwartz – bekannt für die Gestaltung des Grand Canal Theatre Square in Dublin werden ebenfalls besprochen. Außerdem werden Lotte Stam-Beese – die als eine der ersten Frauen am Bauhaus Dessau die Architekturklasse besuchte (obwohl sie offiziell für Weberei eingeschrieben war), Benedetta Tagliabue – Gründerin des Architekturbüros EMBT und Architektin des schottischen Parlamentsgebäudes in Edinburgh sowie Kazuyo Sejima – die Gründerin des bekannten, japanischen Architekturbüros SANAA und eine weitere der drei Pritzker-Preis-Trägerinnen mit ihren Werken präsentiert. Die jeweils zwei Doppelseiten werden den Leben der Architektinnen aber kaum gerecht.

Die einzelnen Lebensläufe können also nur angerissen und von den Frauen realisierte Projekte nicht wirklich erklärt werden. So wird beispielsweise nicht erwähnt, dass Margarete Schütte-Lihotzky im Widerstand gegen die Nationalsozialisten aktiv war und deswegen mehrere Jahre in ein Frauenzuchthaus gesperrt wurde. Stattdessen wird langatmig die Bedeutung ihres Küchenentwurfs für die Frau von gestern beschrieben und das Kapitel mit ihrer Eheschließung mit dem Architekten Wilhelm Schütte abgeschlossen, der seinerzeit keine nachhaltige Bedeutung erlangen konnte. Für Kinder ab 8 Jahren wäre es angemessen, die Lebensumstände und Bedeutung der Planerinnen in ihrer jeweiligen Zeit tiefergehend zu beschreiben.

Bildungschancen für Mädchen, auch zukünftige Architektinnen

Auch die Hürden die diese Frauen überwinden mussten, um als Frauen Architektur studieren zu können oder sich als Architektinnen im Beruf etablieren zu können, werden im Buch nur kurz angerissen – und leider auch verharmlost. Die gebürtige Irakerin Zaha Hadid durfte trotz der Traditionen ihres Landes, die ein Architekturstudium für Frauen nicht vorsahen, Architektur studieren und wurde von ihren wohlhabenden Eltern unterstützt. Wie Lina Bo Bardi, die im faschistischen Italien der 1930er Architektur studieren durfte, befand sie sich in einer sehr privilegierten Situation und hatte als Mädchen Zugang zu Bildung und sogar zur freien Wahl ihrer Berufsausbildung. Bis heute ist das in vielen Ländern und Kulturen unserer Welt vor allem für Mädchen nicht selbstverständlich. Laut UNESCO Weltbildungsbericht 2017/2018 haben nur 25 Prozent aller Länder Geschlechtergerechtigkeit in der oberen Sekundarschulbildung, die i.d.R. Voraussetzung für ein Studium ist, durchgesetzt. Eine solche Einordnung findet im Buch nicht statt.

Eileen Gray und der nackte Le Corbusier

Der Autor reißt aber auch die Geschichte der Architektin Eileen Gray an, die von Le Corbusier bedrängte wurde. Gegen ihren Willen drang Le Corbusier in das von Gray selbst entworfenes Haus ein und verunstaltete es mit seinen „Gemälden“. In „Frauen bauen“ wird jedoch nicht erzählt, dass sich der nackte Architekt bei seiner Tat fotografierten ließ und Gray ihr Haus anschließend nie wieder betrat. Sie selbst nannte seinen Übergriff eine „Vergewaltigung“.  */ Zitat in „Frauen bauen“: „Le Corbusier – einer der größten Architekten des 20. Jahrhunderts – hatte offensichtlich auch eine Schwäche für sie.“ /* Bei der im Buch geäußerten Vermutung des Autoren, dass „ihr die Bilder vielleicht einfach zu bunt“ waren, stellen sich mir die Nackenhaare auf (Victim Blaming).

Ein kurzer Augenblick des Rampenlichts für Architektinnen

Arne Winkelmann und Kitty Kahane verfehlen ihr selbstgewähltes Ziel, mit „Frauen bauen“ die „Aufmerksamkeit auf [Architektinnen] zu richten“ nicht. Sie gehen damit einen notwendigen Schritt, der längst überfällig war und machen Frauen in der Architektur sichtbarer. Leider ist es nur ein kurzer Augenblick des Rampenlichts, der den Fragen und Herausforderungen älterer und zukünftiger Architekt_innen nicht gerecht werden kann.

„Frauen bauen“ wird für Kinder ab 8 Jahren empfohlen und erschien im Rahmen der Ausstellung FRAU ARCHITEKT im DAM, die noch bis zum 8. März 2018 zu sehen ist. Das Buch ist für 15,80 Euro erhältlich bei Amazon* oder direkt beim Antaeus-Verlag.

Foto: Nine Kopfer, unsplash.com

 

*/ = Edit. Ich habe dieses Zitat nachträglich in meinen Beitrag eingefügt, um die Erläuterungen im Kinderbuch deutlicher darzustellen.

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Showing 2 comments
  • Kathrin
    Antworten

    Liebe Anett, das sind so tolle Gedankenansätze, die ich komplett mit Dir teile! Warst Du in FFM? Ich will Anfang des Jahres unbedingt noch mit zwei meiner ehemaligen Kommilitoninnen und Freundinnen hin. Bei mir kommt immer noch ein zusätzlicher Aspekt, der mich unsicher macht, ob ich für den Beruf geeignet bin: Meine Hochsensibilität.

    Mittlerweile glaube ich aber auch, dass mich gerade das dazu befähigt, denn ich höre leise Untertöne in Unterhaltungen und kann meine Gegenüber sehr gut einschätzen. Außerdem vertrauen sich mir die Menschen oft an und erzählen mir viel, auch das kann ein positiver Aspekt für die Arbeit sein.

    Ich danke Dir für den Beitrag und wünsche Dir einen schönen Mittwochabend! Kathrin

    • Anett Ring
      Antworten

      Hallo Kathrin,
      danke für dein Feedback. In der dazugehörigen Ausstellung war ich noch nicht, ich schaffe es zeitlich leider auch nicht mehr. Ein Bekannter meinte neulich zu mir, dass die einzelnen Architektinnen nicht ausreichend vorgestellt und inhaltlich nicht zusammengeführt werden. Zum Rahmenprogramm hingegen, äußerten sich mehrere positiv. Falls du darüber berichtest, mach mich gerne im Vorfeld darauf aufmerksam, falls ich es nicht bemerke. 🙂
      Wenn du Lust hast, würde ich dich gerne auch zu deiner Hochsensibilität und deren Auswirkungen auf dein Studium und Berufsleben auf Architektur-studieren.info interviewen. Ein superspannendes Thema, das mir selbst auch nicht ganz fremd ist. Deine Erfahrungen können sicher vielen anderen helfen!

      Liebe Grüße
      Anett

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