Zwischen Wohnen und Gehen: Heimat

Heimat steht für mich im unmittelbaren Zusammenhang mit dem Reisen. Als Sehnsuchtsort begegnet uns unsere Heimat unterwegs als Heimweh. Oder als Sehnsucht aus der Heimat in die Fremde – als Fernweh. Auch Architekten und Stadtplaner stehen immer wieder vor der Frage: wie schafft man Räume, die man sich als Heimat aneignen kann? Fest steht, welche Dimensionen wir ihr auch immer zuweisen, sie verwurzelt uns und ist wesentlich für unsere Identität.

Doch was ist Heimat überhaupt? Ist sie ein konkreter Ort oder ein Gefühl? Welche Entwicklungen haben dazu geführt, dass ich ein ganz anderes Heimatverständnis habe, als die Generation meiner Großeltern? Warum muss Heimat reflektiert werden? Und welche Rolle spielen die modernen Kommunikationsmittel für die heutige Bedeutung von Heimat?

Ich mache mich auf der Suche nach der Bedeutung von Heimat.

Der Plan:

  1. Zwischen Wohnen und Gehen. Der Versuch einer Definition – Heimat [der heutige Beitrag]
  2. Heimat durch die Zeiten [07.09.2014]
  3. Heim und Heimat in der globalen Welt – Heimat ade? [25.09.2014]

Auch meine Freunde waren aktiv! Du kannst ihre (* anonymisierten) Definitionen von Heimat heute nachlesen.

Heimat. Zwischen Wohnen und Gehen. 

In den vergangenen zwölf Jahren bin ich genau zehn Mal umgezogen. Ich eigne mir gerne neue Lebensräume an, suche die räumliche Abwechslung, verrücke Schränke und hänge neue Bilder an die Wände. Ich genieße meine Möglichkeiten, ortsunabhängig zu arbeiten und zu leben.

Trotz meiner Wanderlust ist Heimat für mich ein bestimmter Ort. Genauer gesagt, sind es zwei Orte die ich mit guten Gefühlen, aufregenden Erlebnissen und lieben Menschen verbinde. Sie sind the place to be – eine Stadt und eine Region, in die ich immer wieder zurück kehre und wo ich mich vielleicht auch mal niederlassen werde. Irgendwann.

Von „unterwegs“ kann ich mir in virtuellen Welten meine Heimaten jederzeit online anschauen. Die Menschen die ich zurückließ und die mittlerweile selbst weitergezogen sind, kann ich gefühlt 24 Stunden am Tag kontaktieren. Wir teilen unseren Alltag über Social Media, sprechen miteinander und sehen uns bei der Videotelefonie. Wir tauschen Informationen aus, reden über die kleinen erfreulichen Dinge des Lebens und auch die kleinen Ärgernisse. Was uns fehlt, ist körperliche Nähe und die Einbindung in unsere realen Lebenswelten. So gern ich hier bin, so gern wäre ich auch dort.

Kaum jemand aus meinem Freundeskreis lebt noch dort wo er oder sie geboren ist. Für Studien-, Ausbildungs- und Arbeitsplätze haben viele ihre angeborene Heimat verlassen und kaum jemand kehrte zurück.
 Zustände, die für meine Großmutter kaum verständlich waren. Sie wohnte ihr gesamtes Leben in unserem Haus – 88 Jahre lang. Ausflüge waren für sie etwas Besonderes, gingen nie weiter als einige Kilometer in die Ferne und waren meistens mit wichtigen Besorgungen verbunden. Urlaube, um sich etwas Schönes anzuschauen oder um Freunde zu besuchen, gab es erst recht spät in ihrem Leben. Alles was man im Alltag benötigte gab es vor Ort. Die verschiedensten Umstände banden sie eng an ihre Heimat.
Mein Großvater wiederum ist in der Nähe von Danzig geboren, war in Kriegsgefangenschaft in Russland und wurde aus seiner Heimat vertrieben. Er lebte viele Jahrzehnte in Thüringen und erzählt uns immer von früher – von seiner Heimat.

Der Versuch einer Definition – Heimat

Fredericke*: „heimat: ist in mir. und auf der ganzen welt. ich kann sie teilen mit freunden und familie oder ganz für mich allein erfahren. zuhause sein bedeutet für mich in mir ruhen. meine heimat ist nicht an länder, häuser, menschen oder gar dinge gebunden. wo ich seelenverwandschaften finde, finde ich meist auch heimat.“

Der Begriff Heimat besitzt eine hohe Bedeutungsvielfalt und ist nicht eindeutig zu definieren. Trotz des intuitiven Wissens jedes Einzelnen darüber was Heimat ist, ist es notwendig den Begriff zu umschreiben, um eine gemeinsame Kommunikationsbasis zu finden.

Dem Bedürfnis nach Heimat liegt das notwendige Bedürfnis des Menschen zugrunde, sich in einem Raum zu verorten, also einen Ortsbezug zu bilden. Vor allem die Nähe des Menschen zu einem Raum bringt Identifikation hervor. Ebenso spielt aber auch die eigene Definition eine entscheidende Rolle: sie erfolgt über Gemeinsamkeiten und Unterschiede zum Fremden.

Der Heimatbegriff ist zudem von einer zeitlichen Dimension geprägt. Beispielsweise wird Heimat als der Ort beschrieben, wo man geboren wurde oder seine Kindheit verbracht hat. Bereits durch die Geburt wird man in eine Genealogie, als Teil einer kulturell gefassten Gesellschaft, gehalten. Die Lebensgemeinschaft „Familie“ erfüllt dabei einige wichtige Aufgaben in der sozialen Ordnung. Besonders die Versorgung und Sozialisation ihrer Mitglieder und die Positionierung ihrer Kinder im sozialen Gefüge, spielen in der Diskussion um moderne Heimaten eine wesentliche Rolle.

Heimat ist eine Frage der Identifikation

Wer bin ich? Wo gehöre ich hin? Was benötige ich, um mich wohl zu fühlen?

Anna*: „Heimat ist bei mir nicht an einen Ort gebunden, sondern an Menschen, die mir wichtig sind. An dem Ort wo ich meine wichtigsten Menschen um mich habe und meine persönlichen Dinge, die mir wichtig sind, fühle ich mich wohl und beheimatet. So könnte eigentlich überall auf der Welt meine Heimat sein, solange meine Freunde, Familie mitkommen. (Also setzt man mich in die Arktis, könnte dass meine Heimat sein, solange alle meine Freunde da sind.)“

Alle Versuche den Begriff zu fassen, beinhalten im Wesentlichen drei Komponenten. Heimat wird durch

  • den Raum,
  • die Zeit und
  • die Identifikation,
  • sowie deren komplexen Zusammenhängen beschrieben.

Heimat als biographische Einheit

Die Reflexion von Heimat erfordert eine gewisse Distanz, um den Begriff für sich fassbar zu machen. 
Dies entspricht auch der etymologischen Bedeutung des Wortes Reflexion, der vom lateinischen Begriff „reflectere“ abstammt und „Zurückwendung“ bzw. „Zurückbiegung“ bedeutet.

Beispielhaft sei an dieser Stelle eine Untersuchung über die Wahrnehmung der Heimat im Saarland genannt. Darin wird erkannt, dass Menschen die seit jeher an ihrem Geburtsort leben, eine emotionalere Definition über den Begriff der Heimat haben, zu der sie fast ausschließlich ihren Geburtsort zählen.
Insbesondere bei einem positiven Lebensgefühl wird der Geburtsort kaum hinterfragt und somit die positive Besetzung nicht reflektiert. Ebenso wird die große Bedeutung der Heimat nicht hinterfragt. Allgemeinhin ist also wenig kritische Distanz zu erkennen.
 So ist die Alteingesessenheit („Meine Familie hat hier schon immer gelebt.“) und das seit vielen Generationen bestehende Heimatdefinitionsmuster mit einer Ablehnung der Neuinterpretation von Heimat verknüpft. Heimat wird zur biographischen Einheit.

Laura*: „Für mich ist Heimat die Region in der ich aufgewachsen bin, in der ich mich auskenne, wo ich den größten Teil meines Lebens verbracht habe.
Insbesondere das Dorf in dem ich groß geworden bin. Dort wo der größte Teil meiner Familie und meiner Freunde lebt. Bzw. trifft man sich an diesem Ort immer wieder, egal wohin es einen verschlagen hat. Es ist einfach ein Gefühl der Vertrautheit was für mich Heimat ausmacht. Ein Ort an dem ich mich wohlfühle.“

Währenddessen definieren Menschen mit häufigem Wohnortwechsel ihre Heimat oftmals über landschaftliche Reize und besonders auch an Fakten, die für sie und die Bewertung ihres Lebensraumes wichtig sind. Nach einem Umzug wird die alte Lebenswelt mit der Neuen verglichen. Heimat wird als zeitlich-räumlich-sozial-divergentes Phänomen erlebt.

Erst ein Verlassen der Heimat führt zur Reflektion. Jedoch ist über die notwendige Dauer des Verlassens eines Ortes, keine Aussage zu treffen. So kann man davon ausgehen, dass viele der „Alteingesessene“ ihre Heimat auch nach einem kurzzeitigen Verlassen derselben reflektieren können. Zum Beispiel nach Urlauben, Dienstreisen oder ähnlichem.

Heimat vs. Exil

Auch über die Definition seines Antonyms, dem Exil, kann man dem Begriff der Heimat nahe kommen. Ein Mensch der sich im Exil befindet, wurde aus seiner Heimat vertrieben oder hat sie aus Not verlassen müssen. Er ist den Gesetzen der Fremde und insbesondere der fremden Sprache unterlegen.
 Dies ist nicht grundlegend negativ zu bewerten. Exil kann auch die Chance bedeuten, wieder frei zu sein.

Der Begriff „Exil“ wird oft als Metapher für die Erfahrung der Entfremdung benutzt, was im Gegenzug für den Begriff der Heimat, die Identifikation mit derselben unterstreicht.

Durch die Globalisierung, werden wir mit dem Fremden täglich konfrontiert oder befinden uns selbst, mal mehr mal weniger freiwillig, in der Fremde. Ortsunabhängigkeit, Mobilität und digitale Kommunikation sind Stichworte, die nicht nur im Leben der digitalen Nomaden eine grundlegende Rolle innehaben, sondern im Alltag der meisten Menschen aktuell sind. Sie bedeuten nicht nur Freiheit, sondern auch Sorgen und Ängste.

Ich freue mich darauf, etwas über deine Heimat zu erfahren! Was verstehst du unter Heimat? Wer, was oder wo ist deine Heimat? Hast du sie verlassen oder lebst du mit ihr?

 

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Showing 2 comments
  • Franz
    Antworten

    Heimat ist jene „Umgebung“ in der es möglich ist positive Erfahrungen zu machen und die eine persönliche Weiterentwicklung fördert.

  • DieGlucke
    Antworten

    Heimat ist eigentlich meine Heimatstadt, Würzburg. Dort bin ich aufgewachsen und eigentlich habe ich sie erst mit 24 Jahren wirklich verlassen um zu studieren. Damals habe ich, wenn ich mit dem Zug von weiter her heimkam, immer so ein wohliges und auch trauriges Gefühl gespürt, wenn der Zug mir den ersten Blick auf die Festung erlaubt hat. Traurig deshalb, weil ich mit den Erinnerungen an meine Kindheit Schmerz, Alleinsein und viele Probleme verbinde. Ab und zu denke ich, ich müsste mal am Haus vorbeischauen, wo ich gelebt habe, aber ich merke, dass da zu viel Schmerz ist. Irgendwie will ich mich mit diesen Erinnerungen nicht mehr konfrontieren. Als ich später ausgezogen bin von zuhause, habe ich in den verschiedensten Stadtteilen gewohnt, so dass irgendwie Vieles vertraut ist, wenn ich heute dorthin komme.
    Wirklich innere Heimat habe ich in der Heimatstadt meines Mannes gefunden. Vieles erinnert mich an Würzburg, aber die Stadt ist klein und überschaubar – eine Heimeligkeit, die mir gut tut und die ein Ankommen bei den Menschen erleichtert hat. Das ist halt ganz anders als in der Großstadt, man kennt viele Menschen, trifft ständig jemanden und entwickelt gemeinsam Ideen, auch für die Stadt und die Gemeinschaft. Das war in einer Großstadt nicht so einfach möglich. Dort wohnt nun meine Schwiegerfamilie, mit Kindern und mit deren Gräbern der Vorfahren, die ich gar nicht mehr gekannt habe. Diese Familie ist mir Heimat geworden, es gibt einen tiefen Zusammenhalt und ich bin in diesen letzten 18 Jahren, seit wir hier wohnen, auch als Person ein Teil dieser Stadt geworden. Mein Sohn, der gerade in eine Großstadt gezogen ist, weil er dort auf die Schule geht, erzählt oft, dass er so bald wie möglich wieder heim möchte… Ich hoffe, dass er beruflich in der Nähe etwas findet, denn auch er hat eine traurige und einsame Seele, die die Geborgenheit der Heimat, der Freunde und der überschaubaren Beziehungen braucht. Wir leben hier wunderschön – und sind uns dieses Privilegs bewusst. Es ist ein gutes Gefühl zu denken, hier möchte ich begraben sein, hier möchte ich bis zu meinem Lebensende wohnen und hier sind die Menschen, in deren Herzen ich Spuren hinterlassen und weiterleben darf.

Ich freue mich auf dein Feedback!

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