„Manchmal glaube ich, die ganze Welt spiele Schach.“

Rezension „UNBEHAUSTE“, herausgegeben von Alexander Broicher.

Herkunft, Identität, Zugehörigkeit – In Alexander Broichers literarischen Anthologie „UNBEHAUSTE“* schreiben 23 Autoren über den Balanceakt zwischen Grenzen, Heimat und Flucht, Reise und Sehnsucht. Entstanden ist eine Sammlung persönlicher Geschichten und Gedichte, die mit jedem Umblättern neue, überraschende Perspektiven zum Vorschein bringt.

Alexander Broicher (Hrsg:): Unbehauste | © Nicolai Verlag
© Nicolai Verlag

Mit Beiträgen von Friedrich Ani, David Wagner, Kat Kaufmann, Benedict Wells, David Safier, Selim Özdogan, Marcus Braun, Anik Feit, Christoph Silber, Florian Wacker, Matthias Sachau, Jule Müller, Robin Baller, Jürgen Hobrecht, Judith Poznan, Manfred Theisen, Tina Ger, Michel Birbæk, Linda Rachel Sabiers, Norbert Kron, Ramona Raabe, Moritz Rinke und Alexander Broicher.

Nicolai Verlag / 9,95 Euro / Erlöse aus dem Verkauf des Buches kommen der Flüchtlingshilfe zu Gute.

Wie es wohl gewesen sein muss, auf dem Spielbrett dieser Welt, Zug um Zug weitergeschoben zu werden? Die Bloggerin Judith Poznan (imGegenteil.de) erzählt in ihrer Kurzgeschichte „Die Schatten der Vergangenheit“ von ihrer Reise nach Wałbrzych in Polen, ehemals Waldenburg. Hier fängt sie die Atmosphäre von Joanna Bators Gesellschaftsroman „Sandberg“* ein, der in einer Plattenbausiedlung am Rande der schlesischen Stadt spielt. Die gemeinsame Geschichte von Deutschen und Polen, die auch im Roman das zentrale Thema ist, wird für sie zur lebendigen Wirklichkeit. Als Poznan mit Bewohnerinnen von Wałbrzych spricht, prallen all die Zweifel, Ängste und Sehnsüchte auf sie ein, mit denen sie auch in ihrer eigenen Familiengeschichte konfrontiert ist.

Auch Moritz Rinke* berichtet von einer Reise, die ihn nach Lanzarote und dem zwiespältigen Deutsch-sein besorgter Bürger näher bringt. „Wenn man nicht schwimmen kann, steigt man nicht in ein schlechtes Boot.“ hört er eine Frau am Nebentisch über ertrunkene Flüchtlinge sagen. Das Gesicht dieser Frau wurde für Rinke zum Bild von Pegida.

Ein weiteres, besonderes Highlight des Buches ist David Safiers „verschollenes Kapitel“ aus seinem Bestseller-Roman „Mieses Karma“*. Ein unglaublich witziger und tiefgründiger Text über eine Frau, die als Pinguin wiedergeboren wird und die Welt neu entdecken muss.

Fazit

Alexander Broicher und die beteiligten Autorinnen und Autoren haben mit „UNBEHAUSTE“ ein einmaliges, sehr aktuelles Buch geschaffen, das jeden erahnen lässt, was Millionen von Menschen fühlen und erleben mussten. Die Kurzgeschichten regen zum Nachdenken an und geben Einblicke in sehr vielfältige, persönliche Lebenswelten.

Buchtrailer

 Beitragsbild: Maarten van den Heuvel

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