Bunter Plan: So beginnen keine Träume!

 In Auf Reisen., Ein Schnipsel.

Mein Abenteuer begann an einem sonnigen Februartag in Hamburg. Alles lief unter dem Codewort „bunter Plan“ und bunt sollte es auch noch werden.

Bis auf den Flug und die Unterkunft für ein halbes Jahr hatte ich nichts vorbereitet. Mit „nichts“ meinte ich genau das: Nichts! Die Finanzierung stand nicht fest („Erstmal losfliegen!“), die Kurse waren nur halbherzig ausgewählt, der Meet&Greet-Service hatte sich nicht zurückgemeldet und auch sonst wusste ich eigentlich gar nicht, was mich erwarten würde. Einzig, dass ich mir im Vorfeld eine Bleibe gesichert hatte, sollte sich noch als glückliche Fügung herausstellen.

Dieses verdammte Erdbeben schnürte mir ein bisschen die Kehle zu. Nur wenige Tage vor meinem Abflug brachte es das ganze Land in Aufruhr. Es gab viele Tote. Es waren Folgebeben zu erwarten. Nein, ich hatte wirklich keinen guten Zeitpunkt gewählt.

Tausende Einheimische und Touristen wanderten aus Angst vom Süden in den Norden des Landes. Dort war es nur noch mit unglaublichem Glück möglich, eine Wohnung oder WG zu finden. Ausnahmsweise fuhr ich in diesem Punkt auf Sicherheit und buchte mir wenige Tage vor dem Beben eine Unterkunft.

Es sollte alles klappen. Wird schon! Irgendwie. Bestimmt. Ganz sicher!

Ich hatte Herzrasen, welches ganz Hamburg erschüttern ließ. Stillsitzen? In diesen Momenten undenkbar! Ich wanderte von A nach B, versuchte mich etwas zu beruhigen. Meine Füße wippten unbeirrt weiter, meine Finger nahmen den Takt auf.
Tausend Gedanken schossen mir durch den Kopf. Bin ich lebensmüde? Unser Flugzeug würde unter Garantie abstürzen! War das alles wirklich eine so gute Idee? Und warum zur Hölle mach ich das überhaupt?

Ich erinnerte mich an das Ziel meiner Reise: Immer genau das machen, von dem ich glaube, dass ich es nicht kann.

„Nur über meine Leiche!“ antwortete ich früher jedem, der mich aufs Fliegen ansprach. Flugangst war mein Stichwort, aber in diese Situation hatte ich mich eindeutig selbst hinein manövriert. Ich hatte sie geplant, ohne überhaupt etwas zu planen. Ich wollte es einfach und wollen ist schließlich ganz einfach.

Warum meine Träume aber ausgerechnet auf der anderen Seite der Erde ausgelebt werden wollten, wusste ich in diesen Momenten nicht mehr: Ich war auf dem Weg nach Neuseeland.

Wetter in Neuseeland © Anett Ring

Zwei Jahre zuvor wählte ich die Hochschule für mein Masterstudium auch nach diesem Kriterium aus. „Kooperation mit neuseeländischer Hochschule“ stand auf meiner must-have-Liste ganz weit oben. So setze ich also meine Prioritäten?!
Ich fand eine Hochschule, die auch meinem Wunsch nach interdisziplinärem Arbeiten entsprach und mir die Möglichkeit gab, eigene Projekte im Studium umsetzen zu können, und bewarb mich für ein Stipendium der neuseeländischen Partnerhochschule.

Die Zusage für einen der heißbegehrten Studienplätze in Neuseeland erhielt ich in meinem vorletzten Semester, keine zwei Monate vor Abflug ans andere Ende der Welt. Dazwischen lagen zahlreiche Prüfungen und Abschlusspräsentationen, die, wie das restliche Studium auch, gut über die Runden gebracht werden wollten.

Zum Schluss blieben mir zwei Wochen, um mein Hab und Gut 600 Kilometer Richtung Süden zu verlagern, meinen Koffer zu packen und mich mental auf meinen bunten Plan einzustellen. Ich reiste vom deutschen Winter in den neuseeländischen Spätsommer, was eigentlich nur soviel hieß, dass Herbst und Winter in Neuseeland schon wieder vor der Tür standen und ich mein Gepäck niemals auf 30 Kilo gepresst bekommen würde. Dagegen bewaffnete ich mich mit übergroßem Handgepäck, was meiner Nervosität vorm Fliegen leider nicht entgegen kam.

Das es nun endlich losgehen würde, realisierte ich erst, als ich in diesem verdammten Flieger von Hamburg nach Auckland saß. 36 Stunden war ich unterwegs. Davon verbrachte ich zehn auf dem Flughafen in Dubai; der Muezzin rief mich mehrfach zum Gebet. Eine harte Liege wollte mein Nachtlager sein und ich fand keine Sekunde Schlaf.

Blick über Sydney, Zwischenstop, © Anett Ring

Blick über Sydney, Zwischenstop, © Anett Ring

19 grausame Stunden Flug über Sydney nach Auckland standen mir noch bevor. Die meiste Zeit hatten wir Turbulenzen und ich damit zu tun, meine Panik unter Kontrolle zu halten. Ich wusste von Anfang an, dass wir abstürzen würden. Nun war es also soweit. Ich schloss die Augen und ein kurzer, unkontrollierbarer Bewegungsdrang durchfuhr mich. Statt meines rollenden Kopfes, landete nur mein Tomatensaft auf dem Schoß meiner Sitznachbarin. Wir liefen beide rot an.

Sie stellte sich als Einheimische Neuseelands (Maori) vor und mein fliegender Saft führte uns etwas zusammen. Statt mir böse zu sein, war sie die Gelassenheit in Person, lud sie mich in ihre Heimat ein und erzählte mir von ihren Reisen.

Ich konnte nicht mehr schlafen. Ich hatte keine Panik mehr, aber ich war unzufrieden. So gehen doch keine Träume los!?

Dieser eine tat es schon.

Sechs weitere Monate sollte es auf- und abwärts gehen. Ich traf einen Menschen, der bis heute Sonnenschein in mein Leben bringt. Ich verlor einen anderen, den ich seitdem jeden Tag vermisse. Das Thema meiner Master-Thesis begegnete mir und hielt mich fest. Ein Mitbewohner verschwand und wurde später tot am Strand gefunden. Ein Tsunami brachte eine Reise durcheinander. Ich wurde in einem Schneesturm eingeschlossen, trieb orientierungslos durch eine dunkle Höhle und ein Tornado schoss wenige Meter an mir vorbei.

Und dennoch: Es war grandios! Nichts lief perfekt und trotzdem war diese Reise das Beste, was ich tun konnte. Trotz aller Widerstände ließ ich mich nie von meinem bunten Plan abbringen.

Und heute? Heute habe ich einen neuen bunten Plan gefunden. Er ist ein bisschen weniger bunt, aber genauso unberechenbar.

In den nächsten Wochen und Monaten werde ich dir ausführlicher von meiner Berg- und Talfahrt durch Neuseeland berichten. Ungeblümt, weil mein Leben nicht immer geradeaus läuft.

Wenn dir dieser Beitrag gefallen hat, freue ich mich wenn du ihn mit deinen Freunden und Followern teilst und/oder mir einen kurzen Kommentar hier lässt. Die versüßen immer meine Tage. 🙂 Danke!

 


 

Ich habe mich gestern kurzfristig dazu entschlossen, diesen Beitrag zur Blogparade „Über den Wolken“ auf reisebloggerin.at einzureichen. Gudrun ruft (ebenfalls seit gestern) bis zum 28.2. auf, über die schönsten, schrecklichsten und spannendsten Flüge zu berichten.

Anett Ring
Hej, ich bin Anett Ring. Freie Architekturjournalistin, Master of Arts in Architektur und Geek mit Fundament. Ich schreibe, skizziere und hinterfrage. Architektur ist mein Wortschatz. Baukultur und Welterbe spreche ich fließend. Häuser baue ich nicht, aber Websiten für Architekten. Auf anettring.de erfährst du mehr darüber.
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Showing 20 comments
  • Marc
    Antworten

    Toller Bericht, macht absolut Lust auf mehr!
    ich bin schon total gespannt, schien ja wirklich zum Teil dramatisch gewesen zu sein. 🙂

    Und wie ists mit der Flugangst? Nach solch einem langen Flug sollte die doch besiegt sein, oder?

    Liebe Grüße, Marc

    • Anett Ring
      Antworten

      Danke für dein Lob, über das ich mich sehr freue! 🙂 Die Reise war zwischendurch wirklich extrem scheiße! Gefühlt kam ein Tiefschlag nach dem anderen. Aber es gab eben auch wirklich viele, viele schöne und bezaubernde Momente, die noch gut nachhallen und viel von dem Mist überdecken können.
      Meine Flugangst ist damals mit dem Tomatensaft weggeflogen. Fliegen ist zwar nach wie vor nicht gerade meine liebste Beschäftigung, macht mir aber keine Angst mehr. Gut, oder? 😀

      Liebe Grüße, Anett

  • Julia
    Antworten

    Oh Anett, dein Beitrag ist mal wieder unfassbar mitreissend und ich bin schon ganz gespannt, was dazu noch kommen wird.

    Vielleicht hätte ich es damals machen sollen wie du: Ohne genaues Finanzierungskonzept einfach mal losfliegen. Bei mir scheiterte alles daran, dass ich kurz vor der Abreise immer noch nicht wusste, wie ich das alles bezahlen sollte (trotz Stipendium, aber das reicht ja nicht komplett).

    Du hast das schon genau richtig so gemacht, du hast viel erlebt und bereust nichts. Find ich super. Und ich persönlich liebe das Fliegen. Ob ich allerdings eine knapp-40-Stunden-Reise lieben würde, weiß ich nicht. Meinen Respekt hast du!

    Liebe Grüße, Julia

    • Anett Ring
      Antworten

      Hehe, danke! Wo wolltest du denn hin? Auch nach NZ? Liebe Grüße, Anett

      • Julia
        Antworten

        Hey, ich wollte nach Polen und nach Bali. Für Polem hat das Geld nicht gereicht und in Bali hat der Papierkram so lange gedauert, dass ich inzwischen mein Diplom gemacht hatte und dann nicht mehr genommen werden konnte. Sehr schade. Ich wünschte, ich hätte zumindest eines davon machen können.

        LG
        Julia

  • ReiseFreaks ReiseBlog
    Antworten

    Ein spannender Anfang, der Appetit auf mehr macht.

    Bin motiviert, mehr von Dir zu lesen!

    Gruss
    Wolfgang

    • Anett Ring
      Antworten

      Danke Wolfgang. Dann hoffe ich, dass ich deinen Appetit demnächst wieder stillen kann. 🙂 Viele Grüße!

  • Anke von Heyl
    Antworten

    Wow, Anett,
    das ist ja mal ein Reisebericht, der mich sofort gefangen nimmt. Natürlich will ich mehr wissen. Ich musste spontan an diesen Film mit Reese Witherspoons denken, der jetzt gerade im Kino läuft 🙂
    Also, ich freu mich auf die nächsten Folgen. Toll und danke dafür.
    Herzliche Grüße von Anke

    • Anett Ring
      Antworten

      Hahahaha, sehr gut! Dieser Film war mir bisher entgangen. Oha und dann auch noch eine Nick Hornby-Verfilmung… nicht übel, den schau ich mir an! (Für alle: Link zum Trailer)
      Ich bin ja jetzt etwas nervös, ob ich den hohen Erwartungen mit den Fortsetzungs-Beiträgen noch erfüllen kann. Aber wird schon. Ansonsten freue ich mich ja auch immer über gute, konstruktive Kritik. 🙂

      Viele liebe Grüße, Anett

      • Anke von Heyl
        Antworten

        Na, da mach dir mal keinen Kopp. Macht einfach Spaß, dich zu lesen. Mag deine Schreibe sehr!

  • Gudrun
    Antworten

    Hui, da organisiert man zum ersten Mal auf seinem Blog eine Blogparade und eine Minute später ist er da, der erste Beitrag. Und dann noch so ein toller! Vielen Dank fürs Mitmachen! Und jetzt belib ich natürlich dran und will alles wissen über deinen „bunten“ Plan! Alles Liebe aus Wien, Gudrun

    • Anett Ring
      Antworten

      Hallo Gudrun, dass alles so schnell ging, haben wir dem glücklichen Umstand zu verdanken, dass wir zufällig gleichzeitig am twittern waren. 🙂 Ich mache aus Zeitgründen leider viel zu selten bei anderen Blogparaden mit. Aber gestern, gestern hat alles zwischen uns gepasst. Freu mich riesig darüber! Danke auch für dein Lob und herzliche Grüße von Berlin nach Wien, Anett.

      P.S. Wenn du magst – vielleicht ist auch meine Blogparade #Raumgefühl etwas für dich?

      • Gudrun
        Antworten

        Ja, die hab ich mir schon fix notiert….nur: Ich brauche noch einen Raum oder ein Gebäude!

        • Anett Ring
          Antworten

          Jetzt bin ich gespannt. Falls du Inspiration brauchst, meld dich ruhig bei mir. Wobei du ja mit WIEN schon eine wahnsinnig groooooße Auswahl hast. 🙂

  • Viola
    Antworten

    Liebe Anett,

    das hat Suchtfaktor! Echt mitreißend diese Reise mit Dir – ja, ich hatte wirklich das Gefühl mit dabei zu sein. Eine wunderbar lebendige Reiseerzählung und ich bin auch schon ganz gespannt auf Deine weiteren Abenteuer in Neuseeland. Jetzt habe ich wieder richtig Lust selbst loszuziehen…und Neuseeland ist auch noch auf meiner Wunschliste.

    Liebe Grüße, Viola

    • Anett Ring
      Antworten

      Danke Viola! <3
      Ein Lob von dir freut mich doppelt und dreifach, weil ich deine literarisch-anschauliche Schreibe auch so gern mag.
      Neuseeland kann ich als Reiseziel wirklich, wirklich empfehlen. Auch, wenn das mein Beitrag an manchen Stellen nicht vermuten lässt 🙂 Also schnapp dir deinen Rucksack und los geht's!
      Liebe Grüße, Anett

  • TanjasBunteWelt
    Antworten

    Puh also ich wäre da tausend Tode gestorben. Was du alles erlebt hast dabei, Hut ab das du das auch noch so locker schreibst. Aber es war total witzig da mit einzusteigen sozusagen. Sehr schön geschrieben. 10 Stunden auf einen Flughafen zu warten ist nicht ohne. Hauptsache alles ist gut ausgegangen.
    Liebe Grüße Tanja

    • Anett Ring
      Antworten

      Hehe, ja, zwischendurch schien immer mal wieder alles schief zu gehen. Aber Verzweifeln hätte mich ja auch nicht weiter gebracht 🙂
      Am Ende hat es ja auch etwas Gutes: wenn ich mal eine Oma bin, kann ich meine Enkel garantiert mit den Storys von „damals“ nerven. Naja und bis dahin erzähle ich euch erst einmal alles. ^^

      Liebe Grüße,
      Anett

  • Sabienes
    Antworten

    Boah, wie aufregend!
    Dennoch beneide ich dich, dass du den Flug durchgehalten hast, die Angst, das Durcheinander und in Neuseeland gelandet bist.
    LG
    Sabienes

    • Anett Ring
      Antworten

      Hallo Sabienes, ach, kein Neid bitte. Nach dem Flug war ich zwar auch stolz und glücklich endlich gelandet zu sein, aber ich war auch so erschöpft von der ganzen Aufregung, dem fehlenden Schlaf, dem Jetlag, usw. 🙂 Viele liebe Grüße, Anett

Ich freue mich auf dein Feedback!